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Vergaberecht Vertiefung

Rahmenvereinbarungen vergeben und abrufen

Wie du Rahmenvereinbarungen rechtssicher vergibst und abrufst: Höchstmengen, Laufzeiten, Abrufverfahren, typische Fehler vermeiden.

23. Juni 2026 7 Min. Lesezeit

KI-generiert

Rahmenvereinbarungen sind im Vergabealltag kaum noch wegzudenken, vor allem in der IT-Beschaffung. Sie können dir Prozesse massiv erleichtern, sie können dir aber auch die komplette Ausschreibung „zerschießen“, wenn Höchstmengen, Laufzeiten oder Abrufe falsch konstruiert sind. Die Rechtsprechung der letzten Jahre ist hier deutlich strenger geworden. In diesem Beitrag schauen wir uns praxisnah an, wie du Rahmenvereinbarungen rechtssicher vergibst und abrufst.

1. Was ist eine Rahmenvereinbarung, was ist ein Einzelauftrag?

Rechtlich ist die Rahmenvereinbarung ein Instrument, um die Bedingungen für spätere Einzelaufträge festzulegen. Die Definition findest du in § 103 Abs. 5 GWB und in § 21 VgV: Es geht um die „Festlegung der Bedingungen für die Aufträge, die während eines bestimmten Zeitraums vergeben werden sollen“, insbesondere hinsichtlich Preis und Menge.

Wichtige Unterschiede zur klassischen Einzelvergabe:

  • Rahmenvereinbarung: Du vergibst einen „Mantelvertrag“ mit einer oder mehreren Vertragsparteien, aber der eigentliche Leistungsabruf erfolgt später, meist in mehreren Einzelaufträgen.
  • Einzelauftrag: Du vergibst einen klar bestimmten Auftrag mit feststehender Leistung, Menge und Laufzeit in einem Schritt.

Rahmenvereinbarungen sind vor allem sinnvoll, wenn

  • du wiederkehrende Bedarfe hast, deren genaue Mengen und Zeitpunkte noch nicht feststehen, etwa Arbeitsplatzrechner, Lizenzen, Supportleistungen,
  • du Standardprodukte oder standardisierbare Dienstleistungen beschaffst,
  • du mehrere Bedarfsträger mit einem einheitlichen Vergabeverfahren versorgen willst.

Nicht geeignet sind Rahmenvereinbarungen, wenn die Leistung von vornherein einmalig, komplex und in sich abgeschlossen ist, etwa ein individuelles Softwareentwicklungsprojekt mit klar umrissenem Umfang. Hier ist eine klassische Einzelvergabe meist passender.

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2. Höchstmengen, Höchstwerte und die Folgen unklarer Angaben

Die wohl wichtigste Stellschraube bei Rahmenvereinbarungen ist die Begrenzung des Gesamtvolumens. Der Europäische Gerichtshof und die deutsche Rechtsprechung verlangen eine klare Angabe der Höchstmenge oder des Höchstwertes. Ohne diese Begrenzung riskierst du die Unwirksamkeit der Rahmenvereinbarung.

2.1 Was verlangt die Rechtsprechung?

Kernpunkte:

  • Das maximale Gesamtvolumen der Rahmenvereinbarung muss im Vergabeverfahren angegeben werden, entweder als Höchstmenge (z. B. Stückzahl, Stundenkontingent) oder als Höchstwert (Euro-Betrag).
  • Ist das Maximum erreicht, endet die Rahmenvereinbarung faktisch. Weitere Abrufe sind nicht mehr zulässig.
  • Eine rein unverbindliche „Schätzung“ ohne klare Obergrenze reicht nicht.

Praxisproblem: Viele Auftraggeber arbeiten mit „ungefähren“ Mengen und schreiben im Kleingedruckten, dass es sich nur um Schätzwerte handelt. Das ist für Bieter transparent, aber rechtlich nicht ausreichend, wenn keine echte Höchstgrenze definiert ist.

2.2 Wie kannst du Höchstmengen sinnvoll bestimmen?

Du solltest in den Vergabeunterlagen klar und verständlich festlegen:

  • Minimale Abnahmemenge (optional),
  • maximale Abnahmemenge oder maximalen Auftragswert,
  • die Grundlage der Schätzung (z. B. Verbrauch der letzten Jahre, voraussichtliche Projekte).

Praktische Varianten:

  • Höchstwert in Euro: „Der Gesamtwert aller Abrufe aus dieser Rahmenvereinbarung ist auf 2 Mio. Euro brutto begrenzt.“
  • Höchstmenge in Einheiten: „Maximal 800 Notebooks und 400 Desktop-PCs können abgerufen werden.“
  • Kombination aus beidem: Z. B. Höchstwert plus Höchststundenkontingent bei IT-Dienstleistungen.

Wichtig ist, dass Bieter ihr wirtschaftliches Risiko abschätzen können. Je unklarer dein Gesamtvolumen, desto höher werden Sicherheitszuschläge eingepreist oder desto eher riskierst du Rügen.

2.3 Typischer Fehler: „Open End“ und verdeckte Mehrbedarfe

Häufige Fehler in der Praxis:

  • Keine echte Höchstmenge, sondern nur unverbindliche Schätzmengen.
  • Versuch, nach Erreichen der Höchstmenge „einfach weiter abzurufen“.
  • Nutzung einer Rahmenvereinbarung für zusätzliche Bedarfsträger, die ursprünglich nicht benannt waren.

Das ist rechtlich heikel. Überschreitest du die definierte Höchstmenge oder ziehst zusätzliche Bedarfsträger hinzu, kann dies als vergaberechtswidrige Direktvergabe gewertet werden. Im schlimmsten Fall drohen Nachprüfungsverfahren oder zivilrechtliche Unwirksamkeit der späteren Abrufe.

3. Laufzeiten von Rahmenvereinbarungen

Die Laufzeit von Rahmenvereinbarungen ist gesetzlich begrenzt. In der Regel darf eine Rahmenvereinbarung höchstens vier Jahre laufen, siehe § 21 Abs. 6 VgV. Längere Laufzeiten sind nur in „begründeten Ausnahmefällen“ zulässig.

3.1 Was ist die „Laufzeit“ genau?

Zu unterscheiden ist:

  • Laufzeit der Rahmenvereinbarung selbst,
  • Laufzeit der auf ihrer Grundlage geschlossenen Einzelaufträge.

Die Vier-Jahres-Grenze bezieht sich auf die Rahmenvereinbarung. Einzelaufträge können darüber hinausgehen, wenn das sachlich begründet und im Vergabeverfahren transparent dargestellt wurde. Zum Beispiel Wartungsverträge, deren Leistungszeitraum über das Ende der Rahmenvereinbarung hinausreicht.

3.2 Wann sind längere Laufzeiten zulässig?

Längere Laufzeiten kommen nur ausnahmsweise in Betracht, zum Beispiel:

  • wenn sich die Amortisation von Investitionen des Auftragnehmers über einen längeren Zeitraum erstreckt,
  • wenn die Besonderheiten der Leistung einen längeren Zeitraum zwingend erfordern.

Hier musst du im Vergabevermerk sauber dokumentieren, warum im konkreten Fall eine längere Laufzeit erforderlich ist. Pauschale Begründungen wie „Verwaltungsvereinfachung“ reichen in der Regel nicht.

3.3 Typische Fehler bei Laufzeiten

  • Rahmenvereinbarung mit „Verlängerungsoptionen“ bis weit über vier Jahre hinaus, ohne echte Ausnahmebegründung.
  • Unklare Regelung, ob die Rahmenvereinbarung automatisch endet, wenn die Höchstmenge vorher erreicht ist.
  • Fehlende Abstimmung zwischen Laufzeit der Rahmenvereinbarung und der zu erwartenden Laufzeit der Einzelaufträge.

Gestalte die Vertragsunterlagen so, dass klar ist: Die Rahmenvereinbarung endet mit Ablauf der Zeit oder mit Erreichen der Höchstmenge, je nachdem, was zuerst eintritt.

4. Abrufverfahren: mit und ohne erneuten Wettbewerb

Der eigentliche „Clou“ der Rahmenvereinbarung liegt im Abrufverfahren. Hier entscheidet sich, ob du nach der Vergabe praktikabel arbeiten kannst oder ob du bei jedem Abruf in rechtliche Zweifel gerätst.

4.1 Rahmenvereinbarung mit einem Unternehmen

Bei einer Rahmenvereinbarung mit nur einem Unternehmen sind Abrufe vergleichsweise einfach:

  • Die Bedingungen, insbesondere Preis und Leistung, sind in der Rahmenvereinbarung weitgehend festgelegt.
  • Du erteilst die Einzelaufträge durch Abruf, etwa über eine Bestellplattform oder schriftliche Abrufaufträge.

Wichtig ist, dass keine wesentlichen Vertragsbedingungen mehr ausgehandelt werden. Sonst läufst du Gefahr, den Rahmen der ursprünglichen Vergabe zu verlassen. Preisgleitklauseln oder konkrete Ausgestaltungen innerhalb klarer Parameter sind zulässig, aber keine grundlegenden Neuverhandlungen.

4.2 Rahmenvereinbarung mit mehreren Unternehmen: ohne erneuten Wettbewerb

Wenn du mehrere Unternehmen in eine Rahmenvereinbarung einbeziehst, kannst du Abrufe

  • entweder ohne erneuten Wettbewerb,
  • oder mit erneutem Wettbewerb zwischen den Rahmenvereinbarungspartnern durchführen.

Ohne erneuten Wettbewerb bedeutet: Die Rahmenvereinbarung enthält alle Bedingungen, einschließlich der Zuschlagskriterien, anhand derer du die Reihenfolge der Abrufe bestimmen kannst. Beispiele:

  • Abruf nach starrer Rangfolge (Platz 1, dann Platz 2 usw.),
  • Abruf nach einem Punktesystem, das du im Rahmenvertrag festgelegt hast,
  • Abruf nach einem Rotationsprinzip, wenn dies transparent und diskriminierungsfrei geregelt ist.

Wichtig: Das Verfahren muss in den Vergabeunterlagen eindeutig beschrieben sein. Bieter müssen erkennen können, wie ihre Chancen auf Abrufe stehen. Spätere „Feinjustierungen“ zu ihren Lasten sind unzulässig.

4.3 Rahmenvereinbarung mit mehreren Unternehmen: mit erneutem Wettbewerb

Mit erneutem Wettbewerb bedeutet: Beim Abruf führst du ein Mini-Wettbewerbsverfahren nur unter den bereits ausgewählten Rahmenvertragspartnern durch. Typische Konstellationen:

  • Du gibst eine konkrete Leistungsanforderung aus, etwa ein Projektpaket oder ein bestimmtes Hardware-Bundle.
  • Alle Rahmenvertragspartner können darauf Angebote abgeben.
  • Du vergibst den Einzelauftrag nach den im Rahmenvertrag festgelegten Kriterien.

Wichtig ist, dass

  • du die Regeln für den erneuten Wettbewerb bereits in der ursprünglichen Ausschreibung festlegst,
  • du im Abrufverfahren diese Regeln strikt einhältst,
  • du den Wettbewerb diskriminierungsfrei zwischen allen Rahmenvertragspartnern durchführst.

Fehlerhaft ist zum Beispiel, wenn du einzelne Rahmenvertragspartner „überspringst“ oder nur ausgewählte Unternehmen zum erneuten Wettbewerb einlädst, ohne dass dies in den Unterlagen vorgesehen ist.

4.4 Mischmodelle und klare Regelungen

In der Praxis werden oft Mischformen genutzt, etwa:

  • Standardleistungen werden ohne erneuten Wettbewerb nach Rangfolge abgerufen,
  • komplexere Leistungen mit erneutem Wettbewerb.

Das ist zulässig, solange das System transparent beschrieben ist und für Bieter nachvollziehbar bleibt. Eine saubere Darstellung in den Vergabeunterlagen und in der Rahmenvereinbarung ist hier entscheidend.

5. Typische Gestaltungsfehler und wie du sie vermeidest

Aus unserer Schulungspraxis sehen wir immer wieder ähnliche Fehlerbilder. Die wichtigsten im Überblick und was du dagegen tun kannst:

ProblemfeldTypischer FehlerBesserer Ansatz
Höchstmengen / HöchstwerteNur „Schätzmenge“, keine echte ObergrenzeKlare Höchstmenge oder Höchstwert definieren und transparent machen
LaufzeitVerlängerungsoptionen über 4 Jahre ohne BegründungMax. 4 Jahre, Ausnahmen nur mit dokumentierter Begründung
Abrufverfahren mehrere UnternehmenUnklare oder nachträglich „angepasste“ AbruflogikAbruflogik in den Unterlagen exakt und widerspruchsfrei beschreiben
LeistungsänderungenÜber Abrufe faktisch neue Leistungen „hineinschieben“Nur Leistungen abrufen, die vom ursprünglichen Beschaffungsgegenstand gedeckt sind
BedarfsträgerWeitere Dienststellen ohne Nennung in Unterlagen einbeziehenAlle teilnehmenden Stellen und ihren Bedarf von Anfang an benennen
DokumentationAbrufe ohne nachvollziehbaren VergabevermerkKurzvermerk pro Abruf, insbesondere bei erneuten Wettbewerben

5.1 Unzureichende Definition des Leistungsgegenstands

Ein häufiger Fehler ist, dass der „Beschaffungsgegenstand“ zu weit und unbestimmt beschrieben wird. Beispiel: „IT-Dienstleistungen aller Art“. Das öffnet die Tür für erhebliche Leistungsänderungen über die Laufzeit hinweg.

Besser: Du definierst klar, welche Leistungsarten von der Rahmenvereinbarung umfasst sind, etwa:

  • User Help Desk,
  • Systemadministration definierter Systeme,
  • bestimmte Beratungsleistungen mit klaren Rollenprofilen.

Alles, was darüber hinausgeht, sollte Gegenstand eines eigenen Vergabeverfahrens sein.

5.2 Nachträgliche Erweiterungen und „Bequemlichkeitsabrufe“

In der Praxis wird eine bestehende Rahmenvereinbarung gerne genutzt, um „schnell noch etwas mitzubestellen“. Beispielsweise zusätzliche Softwaremodule oder weitere Standorte, die ursprünglich nicht geplant waren.

Das ist riskant, wenn diese Mehrleistungen nicht vom ursprünglichen Vergabegegenstand gedeckt sind. Du solltest bei jedem Abruf kurz prüfen und dokumentieren:

  • Fällt die Leistung in den ursprünglich beschriebenen Leistungsumfang?
  • Bleibt das Gesamtvolumen innerhalb der Höchstmenge bzw. des Höchstwerts?
  • Sind alle abrufenden Stellen in den Unterlagen genannt?

Wenn du eine dieser Fragen verneinen musst, ist ein neues Vergabeverfahren in der Regel der sicherere Weg.

5.3 Vergaberechtliche Dokumentation vernachlässigt

Auch bei Rahmenvereinbarungen gilt die Pflicht zur Dokumentation. Viele Vergabestellen dokumentieren die initiale Vergabe ordentlich, vergessen aber die Abrufe.

Empfehlung:

  • Führe eine Abrufliste mit Datum, Inhalt, Wert und zugehörigem Rahmenvertragspartner.
  • Bei Abrufen mit erneutem Wettbewerb: Kurzer Vergabevermerk mit Einladung, Angeboten, Wertung und Zuschlagsentscheidung.
  • Kontrolliere regelmäßig, wie weit Höchstmenge oder Höchstwert bereits ausgeschöpft sind.

So kannst du im Falle von Nachprüfungsverfahren oder internen Prüfungen nachvollziehbar darstellen, dass du im Rahmen des Vergaberechts geblieben bist.

6. Checkliste: Rahmenvereinbarung rechtssicher gestalten

Zum Abschluss eine kompakte Checkliste für deine nächste Rahmenvereinbarung:

  • Beschaffungsgegenstand

  • Leistungsarten klar beschrieben?

  • Abgrenzung zu Leistungen, die nicht umfasst sein sollen?

  • Volumen

  • Höchstmenge oder Höchstwert festgelegt?

  • Grundlage der Schätzung dokumentiert?

  • Ggf. Mindestabnahme klar geregelt?

  • Bedarfsträger

  • Alle teilnehmenden Stellen namentlich oder funktional benannt?

  • Interner Abstimmungsprozess gesichert, damit nur Berechtigte abrufen?

  • Laufzeit

  • Maximal 4 Jahre vorgesehen?

  • Ausnahmen begründet und dokumentiert, falls länger nötig?

  • Klar geregelt, dass die Rahmenvereinbarung bei Erreichen der Höchstmenge endet?

  • Abrufverfahren

  • Rahmenvereinbarung mit einem oder mit mehreren Unternehmen?

  • Abruflogik ohne bzw. mit erneutem Wettbewerb verständlich beschrieben?

  • Zuschlagskriterien für erneuten Wettbewerb eindeutig festgelegt?

  • Vertragsgestaltung

  • EVB-IT oder andere Standardverträge sinnvoll eingebunden?

  • Preisänderungs- und Anpassungsklauseln transparent und vergaberechtskonform?

  • Keine wesentlichen Vertragsbedingungen in die Abrufphase „verschoben“?

  • Dokumentation

  • Vergabevermerk zur Rahmenvereinbarung vollständig?

  • Verfahren zur laufenden Dokumentation der Abrufe etabliert?

  • Kontrolle der Auslastung von Höchstmenge und Höchstwert vorgesehen?

Wenn du diese Punkte im Blick behältst, werden Rahmenvereinbarungen vom Risikofaktor zum verlässlichen Instrument deiner Vergabepraxis, insbesondere bei der IT-Beschaffung.

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